Vier Portraits – wer ist da zu sehen?

Dieter Scheler
Drei Frauen und ein Mann – adelige Lebensläufe im alten Bochum

Die vier Portraits, die mit Hilfe der Stiftung der Sparkasse zur Förderung von Kultur und Wissenschaft für Haus Kemnade erworben werden konnten, sind keine großen Kunstwerke. Sophia Philippina Louisa von Syberg, Anna Maria Christina von Syberg, Maximilian Conrad von Berswordt und seine Tochter Louise Isabella Lisette Friederike sind etwas hölzern und in schematischer Kostümierung dargestellt. Doch eines erkannten die Zeitgenossen sofort: die Rollen, die sie spielten. Zwei der Damen sind bereits „unter der Haube“, also verheiratet, eine von ihnen in schwarzer Kleidung, also Witwe, und die dritte ohne Haube, also unverheiratet. Ungewöhnlich ist nur der dargestellte Herr, der den Titel Rittmeister trägt, aber im Beamtenrock mit Papier und Feder zu tun hat. Die Erklärung für diese Kostümierung ist aber einfach: denn der Titel Rittmeister beinhaltete in der Regierung der Reichsstadt Dortmund im 18. Jahrhundert, der Berswordt angehörte, nur mehr die juristische Bearbeitung vor allem von Grenzstreitigkeiten.

Die Bildnisse sind Teil einer Serie des Malers J. E. Hauck aus dem Jahre 1773, zu der auch Porträts auf Haus Laer gehören. Vermutlich gehörte der Meister zu einer aus dem Frankfurter Raum stammenden Künstlerfamilie, deren Mitglieder damals in den Niederlanden tätig waren.

Die Bilder stammen höchstwahrscheinlich tatsächlich von Haus Kemnade, obwohl keine der abgebildeten Personen von Geburt zur Familie Syberg gehörte, die damals die Gerichtsherrschaft Kemnade innehatte. .Es waren Mitglieder der Familien Grotthaus, Romberg und Berswordt, die aber mit Sybergs auf Kemnade verheiratet waren. Zur ursprünglichen Serie dürften also noch drei Portraits geborener Sybergs gehört haben. Auf welchem Wege schließlich die vorhandenen Gemälde in den Handel kamen, lässt sich nicht mehr rekonstruieren.

Die Funktion einer solchen Bildergalerie war es, das Gedächtnis einer exklusiven, nämlich adeligen Familie innerhalb der Adelskreise zu garantieren. Prinzipiell war das auch in bürgerlichen Kreisen nicht anders, denn die Gesellschaft des 18. Jahrhunderts war eine familiale Gesellschaft. Der Geburtsstand bestimmte den Lebensentwurf und Familie und Verwandtschaft boten die einzig sichere Existenzgrundlage. Das galt für den Adel, das Bürgertum, aber auch für Bauern und für Kötter. Die Gesellschaft war gemessen an heutigen Verhältnissen klein und übersichtlich und man konnte sie – von wenigen europäischen Großstädten abgesehen – in Familienbeziehungen – vom König bis zum Bauern – buchstabieren.

Eine solche adelige Familie war die von Syberg. In mehrere Familienzweige aufgeteilt war ihr räumlicher Schwerpunkt seit dem Mittelalter die Grafschaft Mark, damals Provinz des Königreichs Preußen. Als Adelige waren sie privilegiert, den männlichen Mitgliedern waren die Stellen der Amtleute und Landräte und vor allem die Offiziersränge im Militär vorbehalten, den weiblichen noch unverheirateten Mitgliedern der Familie die Pfründen in den freiweltlichen Damenstiften. Eine Besonderheit war, dass mit dem Besitz von Stiepel und dem Haus Kemnade eine eigene teilsouveräne Gerichtsherrschaft verbunden war. Dennoch bildete sich eine eigene Linie Kemnade nicht aus, sondern Kemnade blieb Teil der namengebenden Herrschaft Wischlingen (heute Dortmund-Marten).

In diese Familie heirate Sophia Philippina Louisa von Grotthaus, die als Witwe dargestellt ist, ein. Ihre Familie stammte aus dem osnabrückischen Adel, Mitglieder der Familie standen in hannöverschen Diensten. Ihr älterer Bruder brachte es bis zum hannöversch englischen General Lieutenant der Kavallerie. Sophia Philippina Louisa, die früh verwitwete, nahm diese Witwenrolle sehr bewußt an. In einer geradezu dramatischen Auseinandersetzung um das Erbe von Kemnade setzte sie den Anspruch ihres noch unmündigen Sohnes auf diese Gerichtsherrschaft durch, um von diesem nach Antritt seiner Herrschaft in Prozesse über über Ihre vormundschaftliche Verwaltung der Güter in Kemnade verwickelt zu werden. Sie war eine tatkräftige, resolute Frau, so etwas wie die klassische Verkörperung der „regierenden Frau Mutter“.

In ganz anderer Weise spiegelt das Leben der Anna Maria Christina von Romberg, verheiratete Syberg, exemplarisch andere typisch adelige Familienkonflikte wider. So setzte sie schon ein Jahr nach ihrer Hochzeit zusammen mit ihren Schwestern gegen ihre Brüder eine für die Damen gerechtere Erbteilung durch und am Ende ihres Lebens sah sie sich gezwungen, ihre Söhne vom Erbteil über den ihnen zustehenden Pflichtteil auszuschließen, weil sie gegen ihre Mutter wegen Unterstützung ihrer bürgerlich verheirateten Schwester gerichtlich vorgegangen waren. Ein Fall, der den Widerspruch zwischen familialer Logik und familialer Empathie dokumentiert.

In eine ganz andere Welt führt Maximilian Conrad von Berswordt, der einer der ältesten stadtadeligen Familien der Reichsstadt Dortmund angehörte. Er war geborenes Mitglied der Stadtregierung und als solcher für juristische Probleme, insbesondere komplizierte Grenzstreitigkeiten des Territoriums der Stadt, zuständig. Nachdem Übergang des Familienvermögens der Wallrabe an die Berswordts gehörten sie zu den reichsten Familien der Stadt. Es war ihnen ein Leichtes landadelige Herrschaften zu erwerben. So kaufte der Bruder von Maximilian Conrad nach dem Konkurs der Bochumer Adelsfamilie Hasenkamp das Haus Weitmar, er selbst besaß Listerhof in der Nähe von Meinerzhagen. Für die Sybergs dürfte die Verheiratung ihrer Tochter mit Maximilian Conrad eine gute Partie gewesen sein, ebenso die Heirat seiner Tochter Luise Isabelle Lisette in die Familie von der Leithen auf Haus Laer.

Luise Isabelle Lisette war in Dortmund groß geworden und früh mit dem bemerkenswerten Musikleben der Reichsstadt in Berührung gekommen. Diese Leidenschaft für die Musik behielt sie als Gattin ihres ebenso musikliebenden Gatten auf Haus Laer bei, wie der intensive musikalische Briefwechsel mit dem Dortmunder Kantor Preller zeigt. Früh verwitwet zog sie nach dem Abschluss eines Erbvertrags mit ihren Söhnen wieder nach Dortmund und blieb dort noch zwei Jahrzehnte aktives Mitglied der musikalischen Kreise der Stadt. Auf Haus Laer führte sie nicht nur energisch ihr Haus, sondern gehörte auch zum Kreis der Aufklärer in Bochum, wie das nicht nur ihr enger Kontakt zum Bergarzt Dr. Kortum, sondern auch ihre Mitwirkung an einem der frühesten aufgeklärten Schulprojekte, der „Gesellschaft der Lehrer und Kinderfreunde in der Grafschaft Mark“, belegen.

Bürgerliche und adelige Welt verflechten sich in unseren vier Portraits. Diese Verflechtung war alt und vor allem in einer Hinsicht unabdingbar, der permanenten Angewiesenheit der adeligen Familien auf Geld zur Finanzierung ihres Status. Und so gehörten Kaufleute, unter anderem die berühmte Witwe Krupp in Essen, Juristen, Ärzte, Beamte, aber auch vermögende Bauern zu den Kreditgebern des Adels in einer Zeit vor der Gründung von Sparkassen.

Um 1800 wurde Lage des Adels zunehmend kritisch durch die Abschaffung der Feudalrechte und der Standesprivilegien auf Stellen in Beamtentum und Militär. Von allen Privilegien blieb bis zum Ersten Weltkrieg allein das Sonderrecht auf ungeteilten Besitz, der Fideikommiss. Bürgerliche Heiraten, wie sie dann auch auf Haus Kemnade vorkamen, und der Versuch, Gewinne aus dem Bergbau zu erzielen, änderten nichts daran, dass aus dem klassischen Adligen des 18. Jahrhunderts im 19. Jahrhhundert der Rittergutsbesitzer wurde.

In den Bildnissen spiegelt sich noch die alte Welt des Adels, in den Lebensgeschichten schon der Umbruch der neuen Zeit. Ab jetzt aber werden gerade diese Porträts Haus Kemnade und seine historische Musiksammlung wieder mit Leben füllen. Denn das Haus bekommt damit wieder ein Gesicht, genauer vier Gesichter – die Gesichter von drei Frauen und einem Mann.