Sophia Philippina Louisa von Syberg

Geschichte des Hauses


Haus Kemnade, eines der eindruckvollsten festen Adelshäuser an der mittleren Ruhr, war über Jahrhunderte Sitz der Gerichts- und Patronatsherren von Stiepel. Urkundlich wird das Haus erstmals 1410 erwähnt.

Die heutige Gestalt des Haupthauses stammt aus dem 17. Jahrhundert.

Seit 1921 ist es im Besitz der Stadt Bochum und beherbergt heute mehrere städtische Sammlungen und eine Gastronomie.

 

 

 

 

Haus Kemnade in Bildern

Vier Portraits

Sophia Philippina Louisa
von Syberg
Louise Isabella Lisette
Friederike von Berswordt
Maximilian Conrad von Berswordt

Anna Maria Christina von Syberg


Vier Bewohner von Haus Kemnade, gemalt im Jahr 1773.
Lesen Sie unten mehr über die vier adligen Vorfahren.

Klicken Sie auf den Namen, um die Porträts zu vergrößern! 

 

 

Vier Portraits - wer ist da zu sehen?

Dieter Scheler
Drei Frauen und ein Mann – adelige Lebensläufe im alten Bochum

Die vier Portraits, die mit Hilfe der Stiftung der Sparkasse zur Förderung von Kultur und Wissenschaft für Haus Kemnade erworben werden konnten, sind keine großen Kunstwerke. Sophia Philippina Louisa von Syberg, Anna Maria Christina von Syberg, Maximilian Conrad von Berswordt und seine Tochter Louise Isabella Lisette Friederike sind etwas hölzern und in schematischer Kostümierung dargestellt. Doch eines erkannten die Zeitgenossen sofort: die Rollen, die sie spielten. Zwei der Damen sind bereits „unter der Haube“, also verheiratet, eine von ihnen in schwarzer Kleidung, also Witwe, und die dritte ohne Haube, also unverheiratet. Ungewöhnlich ist nur der dargestellte Herr, der den Titel Rittmeister trägt, aber im Beamtenrock mit Papier und Feder zu tun hat. Die Erklärung für diese Kostümierung ist aber einfach: denn der Titel Rittmeister beinhaltete in der Regierung der Reichsstadt Dortmund im 18. Jahrhundert, der Berswordt angehörte, nur mehr die juristische Bearbeitung vor allem von Grenzstreitigkeiten.

Die Bildnisse sind Teil einer Serie des Malers J. E. Hauck aus dem Jahre 1773, zu der auch Porträts auf Haus Laer gehören. Vermutlich gehörte der Meister zu einer aus dem Frankfurter Raum stammenden Künstlerfamilie, deren Mitglieder damals in den Niederlanden tätig waren.

Die Bilder stammen höchstwahrscheinlich tatsächlich von Haus Kemnade, obwohl keine der abgebildeten Personen von Geburt zur Familie Syberg gehörte, die damals die Gerichtsherrschaft Kemnade innehatte. .Es waren Mitglieder der Familien Grotthaus, Romberg und Berswordt, die aber mit Sybergs auf Kemnade verheiratet waren. Zur ursprünglichen Serie dürften also noch drei Portraits geborener Sybergs gehört haben. Auf welchem Wege schließlich die vorhandenen Gemälde in den Handel kamen, lässt sich nicht mehr rekonstruieren.

Die Funktion einer solchen Bildergalerie war es, das Gedächtnis einer exklusiven, nämlich adeligen Familie innerhalb der Adelskreise zu garantieren. Prinzipiell war das auch in bürgerlichen Kreisen nicht anders, denn die Gesellschaft des 18. Jahrhunderts war eine familiale Gesellschaft. Der Geburtsstand bestimmte den Lebensentwurf und Familie und Verwandtschaft boten die einzig sichere Existenzgrundlage. Das galt für den Adel, das Bürgertum, aber auch für Bauern und für Kötter. Die Gesellschaft war gemessen an heutigen Verhältnissen klein und übersichtlich und man konnte sie – von wenigen europäischen Großstädten abgesehen – in Familienbeziehungen - vom König bis zum Bauern - buchstabieren.

Eine solche adelige Familie war die von Syberg. In mehrere Familienzweige aufgeteilt war ihr räumlicher Schwerpunkt seit dem Mittelalter die Grafschaft Mark, damals Provinz des Königreichs Preußen. Als Adelige waren sie privilegiert, den männlichen Mitgliedern waren die Stellen der Amtleute und Landräte und vor allem die Offiziersränge im Militär vorbehalten, den weiblichen noch unverheirateten Mitgliedern der Familie die Pfründen in den freiweltlichen Damenstiften. Eine Besonderheit war, dass mit dem Besitz von Stiepel und dem Haus Kemnade eine eigene teilsouveräne Gerichtsherrschaft verbunden war. Dennoch bildete sich eine eigene Linie Kemnade nicht aus, sondern Kemnade blieb Teil der namengebenden Herrschaft Wischlingen (heute Dortmund-Marten).

In diese Familie heirate Sophia Philippina Louisa von Grotthaus, die als Witwe dargestellt ist, ein. Ihre Familie stammte aus dem osnabrückischen Adel, Mitglieder der Familie standen in hannöverschen Diensten. Ihr älterer Bruder brachte es bis zum hannöversch englischen General Lieutenant der Kavallerie. Sophia Philippina Louisa, die früh verwitwete, nahm diese Witwenrolle sehr bewußt an. In einer geradezu dramatischen Auseinandersetzung um das Erbe von Kemnade setzte sie den Anspruch ihres noch unmündigen Sohnes auf diese Gerichtsherrschaft durch, um von diesem nach Antritt seiner Herrschaft in Prozesse über über Ihre vormundschaftliche Verwaltung der Güter in Kemnade verwickelt zu werden. Sie war eine tatkräftige, resolute Frau, so etwas wie die klassische Verkörperung der „regierenden Frau Mutter“.

In ganz anderer Weise spiegelt das Leben der Anna Maria Christina von Romberg, verheiratete Syberg, exemplarisch andere typisch adelige Familienkonflikte wider. So setzte sie schon ein Jahr nach ihrer Hochzeit zusammen mit ihren Schwestern gegen ihre Brüder eine für die Damen gerechtere Erbteilung durch und am Ende ihres Lebens sah sie sich gezwungen, ihre Söhne vom Erbteil über den ihnen zustehenden Pflichtteil auszuschließen, weil sie gegen ihre Mutter wegen Unterstützung ihrer bürgerlich verheirateten Schwester gerichtlich vorgegangen waren. Ein Fall, der den Widerspruch zwischen familialer Logik und familialer Empathie dokumentiert.

In eine ganz andere Welt führt Maximilian Conrad von Berswordt, der einer der ältesten stadtadeligen Familien der Reichsstadt Dortmund angehörte. Er war geborenes Mitglied der Stadtregierung und als solcher für juristische Probleme, insbesondere komplizierte Grenzstreitigkeiten des Territoriums der Stadt, zuständig. Nachdem Übergang des Familienvermögens der Wallrabe an die Berswordts gehörten sie zu den reichsten Familien der Stadt. Es war ihnen ein Leichtes landadelige Herrschaften zu erwerben. So kaufte der Bruder von Maximilian Conrad nach dem Konkurs der Bochumer Adelsfamilie Hasenkamp das Haus Weitmar, er selbst besaß Listerhof in der Nähe von Meinerzhagen. Für die Sybergs dürfte die Verheiratung ihrer Tochter mit Maximilian Conrad eine gute Partie gewesen sein, ebenso die Heirat seiner Tochter Luise Isabelle Lisette in die Familie von der Leithen auf Haus Laer.

Luise Isabelle Lisette war in Dortmund groß geworden und früh mit dem bemerkenswerten Musikleben der Reichsstadt in Berührung gekommen. Diese Leidenschaft für die Musik behielt sie als Gattin ihres ebenso musikliebenden Gatten auf Haus Laer bei, wie der intensive musikalische Briefwechsel mit dem Dortmunder Kantor Preller zeigt. Früh verwitwet zog sie nach dem Abschluss eines Erbvertrags mit ihren Söhnen wieder nach Dortmund und blieb dort noch zwei Jahrzehnte aktives Mitglied der musikalischen Kreise der Stadt. Auf Haus Laer führte sie nicht nur energisch ihr Haus, sondern gehörte auch zum Kreis der Aufklärer in Bochum, wie das nicht nur ihr enger Kontakt zum Bergarzt Dr. Kortum, sondern auch ihre Mitwirkung an einem der frühesten aufgeklärten Schulprojekte, der „Gesellschaft der Lehrer und Kinderfreunde in der Grafschaft Mark“, belegen.

Bürgerliche und adelige Welt verflechten sich in unseren vier Portraits. Diese Verflechtung war alt und vor allem in einer Hinsicht unabdingbar, der permanenten Angewiesenheit der adeligen Familien auf Geld zur Finanzierung ihres Status. Und so gehörten Kaufleute, unter anderem die berühmte Witwe Krupp in Essen, Juristen, Ärzte, Beamte, aber auch vermögende Bauern zu den Kreditgebern des Adels in einer Zeit vor der Gründung von Sparkassen.

Um 1800 wurde Lage des Adels zunehmend kritisch durch die Abschaffung der Feudalrechte und der Standesprivilegien auf Stellen in Beamtentum und Militär. Von allen Privilegien blieb bis zum Ersten Weltkrieg allein das Sonderrecht auf ungeteilten Besitz, der Fideikommiss. Bürgerliche Heiraten, wie sie dann auch auf Haus Kemnade vorkamen, und der Versuch, Gewinne aus dem Bergbau zu erzielen, änderten nichts daran, dass aus dem klassischen Adligen des 18. Jahrhunderts im 19. Jahrhhundert der Rittergutsbesitzer wurde.

In den Bildnissen spiegelt sich noch die alte Welt des Adels, in den Lebensgeschichten schon der Umbruch der neuen Zeit. Ab jetzt aber werden gerade diese Porträts Haus Kemnade und seine historische Musiksammlung wieder mit Leben füllen. Denn das Haus bekommt damit wieder ein Gesicht, genauer vier Gesichter – die Gesichter von drei Frauen und einem Mann.

Die Erbherren auf Kemnade: Herren der Unterherrschaft Stiepel

 

Stiepel war eine sogenannte Unterherrschaft, eine kleine teilsouveräne Herrschaft innerhalb des Gesamtterritoriums, deren Inhaber neben dem Besitz von Grund und Boden auch die Berechtigung zur Rechtsprechung, Steuererhebung und zum militärischen Aufgebot ihrer Untertanen erblich besaßen. Sie hat in dieser Form vom 13. Jahrhundert bis 1812 existiert. Der Gerichtsherr hatte darüber hinaus auch das Patronat über die Stiepeler Kirche inne.

 Stiepel gehörte im Mittelalter und in der frühen Neuzeit zum Territorium Mark und seit dem 17. Jahrhundert zu Brandenburg-Preußen. Diese Territorien waren in Ämter gegliedert, denen ein Amtmann oder Drost vorstand. Stiepel lag zwischen den Ämtern Bochum und Blankenstein. Es lag dazwischen, weil es eine teilsouveräne Herrschaft (Unterherrschaft) war, in welcher der Landesherr nur eingeschränkte Befugnisse hatte, der adelige Herr der Herrschaft aber über das Gericht, die Steuererhebung und das militärische Aufgebot verfügte. Zu dieser Entwicklung war es gekommen, weil Stiepel eine weit entfernte isolierte Außenbesitzung zunächst von Bremen und dann der Herren von Lippe gewesen war. Diese hatten für ihren Außenbesitz Verwalter eingesetzt, die bald ihre Lehensleute wurden. Das bedeutete, dass sie als solche diese Herrschaft erblich inne hatten, sie auch mit Zustimmung des Lehensherrn verkaufen konnten, solange sie nur die Lehenshuldigung und die damit verbundene Lehensgebühr leisteten. Allerdings waren die Lehen unteilbar und konnten nur von einem männlichen Lehenserben übernommen werden. - Die Grafen von der Mark versuchten zwar diese Unterherrschaften auszuschalten, was ihnen aber in Stiepel misslang, so dass sie schließlich 1511 dessen Qualität als „Eigenherrlichkeit“ anerkannten. Erst die preußischen Könige sollten im 18. Jahrhundert die Rechte der Unterherrschaft radikal beschneiden. Rechtlich blieb aber die Herrschaft Stiepel vom 14. Jahrhundert bis 1812 eine eigenständige unter lippischer Lehenshoheit stehende Herrschaft. 1812 verlor der Inhaber zwar die Herrschaftsrechte, wurde aber mit Aufhebung des Lehnswesens zum privaten Besitzer des zum Haus Kemnade gehörenden Landbesitzes. Aus den Gerichtsherren wurden gewöhnliche Gutsherren.

Die Kemnader Adelsdynastien

 

Gerichts- und Patronatsherren von Stiepel waren vom 13. Jahrhundert bis 1410 die von Dücker, 1418 bis 1647 die von der Recke und 1647 bis 1812 die von Syberg. Der erste Nachweis, dass die Inhaber der Herrschaft nicht auf dem Hof von Stiepel saßen, sondern auf Haus Kemnade, stammt aus dem Jahre 1410.

Im lippischen Lehensarchiv sind zwar als erste Lehensinhaber der Herrschaft 1393 die Herren von Düker genannt, prägend für die Geschichte der Herrschaft und des Hauses Kemnade waren aber zwei andere märkische Adelsfamilien, die von der Recke und die von Syberg.

Die von der Recke kauften 1418 die Herrschaft Stiepel und hatten sie bis 1647 in inne. Sie waren eine bedeutende märkische Adelsfamilien, deren räumlicher Schwerpunkt um Kamen und Hamm lag und die Stiepel zunächst nur als zusätzlichen entfernten Besitz betrachteten. Erst mit dem Begräbnis Goderts von der Recke in der Stiepeler Kirche 1521 bildete sich eine eigenständige Linie der Familie zu Stiepel aus. Dies führte 1596 unter Wennemar V. von der Recke als Patronatsherren, die den Geistlichen vorschlagen konnte, die Reformation ein. Es gelang der Familie auch mehrfach das Amt des Drosten von Blankenstein zu besetzen, womit sie auch Sonderstellung ihrer Unterherrschaft zu sichern wussten.

Nachfolger im Erbgang wurden 1647 die Herren von Syberg, eine im Vergleich zu den von der Recke eher nachrangige märkische Adelsfamilie, deren Aufstieg mit dem Antritt der Herrschaft Stiepel erst begann. Auch Mitglieder ihrer Familie waren Drosten in Blankenstein. Auch sie waren strenge Lutheraner. Bis 1880 blieben sie im Besitz zunächst der Herrschaft Stiepel, dann der Gutsherrschaft Kemnade.

Die auffällig lange Dauer dynastischer Herrschaft auf Haus Kemnade ist das Ergebnis der Lehensqualität der Herrschaft Stiepel, welche durch das Teilungsverbot einen dauerhaften festen Kern des Familieneigentums bildete, der nicht der für Adelsfamilien gefährlichen Erbteilung unterlag. Auf Dauer bedeutete das die Garantie der Erhaltung eines „qualifizierten Geschlechts“ (Friedrich Matthias von Syberg 1688)

Kemnade nach dem Ende der Erbherrschaft

 

In der napoleonischen Zeit wurden das Lehenswesen 1809 und die Eigengerichtsbarkeit (Unterherrschaft) 1812 aufgehoben. Der zum Haus Kemnade gehörende Lehensbesitz wurde Privatbesitz. Aus dem residierenden Erbherrn von Syberg wurde der Rittergutsbesitzer von Syberg. Nach dem Tod der letzten Tochter Syberg gelangte das Rittergut durch deren Einheirat in die Familie von Berswordt-Wallrabe in (Bochum-)Weitmar 1880 an diese. Von ihr erwarb 1921 die Stadt Bochum das Gut, für das sie Gutspächter bestellte. 1959 wurde in Kemnade eine Gastronomie eingerichtet. Die Landwirtschaft ist inzwischen aufgegeben. In das Haus zogen städtische Sammlungen ein, zuletzt auch eine Außenstelle des Standesamts Hattingen.

In den Verwaltungsreformen des 19. Und 20. Jahrhunderts hatten Stiepel und Kemnade eine wechselvolle Geschichte. Nach dem Ende der napoleonischen Herrschaft wurde das ehemalige Eigengericht 1815 der Bürgermeisterei Blankenstein zugeschlagen, die wie Hattingen dem Kreis Bochum angehörte. Nachdem Bochum 1876 kreisfreie Stadt geworden war, wurde der Landkreis Bochum 1885 in die Landkreise Bochum, Gelsenkirchen und Hattingen zerlegt. Stiepel kam damit mit dem Amt Blankenstein zum Landkreis Hattingen. Erst 1929 wurde es nach Bochum eingemeindet. Grenze wurde die Ruhr. Dass die Stadt Bochum 1921 Haus Kemnade und 1922 Burg Blankenstein kaufte, deutet darauf hin, dass nicht nur Wassergewinnungsinteressen im Spiel waren, sondern auch die Absicht, bei künftigen Gebietsreformen das Stadtgebiet über die Ruhr nach Süden zu erweitern. Dazu kam es nicht, so dass Haus Kemnade seitdem kommunal von Stiepel getrennt zu Hattingen gehört, aber Bochumer Besitz ist. Indirekt bleibt aber damit die historische Zusammengehörigkeit des Hauses mit Stiepel bewahrt.

Das feste Haus

 

In den lippischen Lehensurkunden wird Haus Kemnade erstmals 1410 neben dem Hof Stiepel genannt. Die Anfänge des festen Hauses sind unbekannt. Da es aber 1393 noch nicht erwähnt wird, dürfte es erst um 1400 Herrschaftssitz des Eigengerichts geworden sein.

Zu dieser Zeit lag das Haus noch auf derselben Seite wie der Hof, erst durch ein Verlagerung der Ruhr 1486 geriet es auf die andere Ruhrseite. Das Haupthaus war vierseitig von einer Gräfte umgeben, davor dürften Wirtschaftsgebäude gelegen haben. Die heutigen Gebäude auf diesem Gelände sind zwischen 1780 und 1969 entstanden. 1589 brannte das Haupthaus ab, der Neubau zog sich von 1602 bis 1704 hin. In dieser Gestalt ist das Haus bis heute erhalten geblieben. Im fehdereichen 15. Jahrhundert könnte das Haus auch Verteidigungsfunktion gehabt haben, der Neubau hatte diese Funktion aber trotz des mächtigen Eckturms nicht mehr. - Der älteste erhalten gebliebene Teil des Hauses ist die Kapelle vom Anfang des 16. Jahrhunderts.

Kamine, Decken, Treppenhaus – die verbliebene feudale Ausstattung

 

Haus Kemnade heißt so, weil es offene Kamine besaß. Und auch das Haus des 17. Jahrhunderts besitzt noch fünf Kamine. Sie sind mit den Decken und dem Treppenhaus das einzige, was von der alten Ausstattung verblieben ist. Schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts verlor das Haus im Zuge einer Erbteilung sein ganzes bewegliches Inventar. Dennoch vermitteln vor allem die Kamine im großen und im kleinen Saal ein eindrucksvolles Bild der Adelskultur zu Beginn des 17. Jahrhunderts. Und das gilt auch von der prächtigen Holztreppe und den geschnitzten Ovalmedaillons an der Decke der Eingangshalle aus der Zeit um 1700. Auch die stuckierten oder bemalten Deckenbalken der Säle aus derselben Zeit sind sehr gut erhalten.

Der prächtigste Kamin ist der Wappenkamin im großen Saal, dessen Aufbau und Bildprogramm ganz der Betonung des Rangs der Herren von der Recke auf Haus Kemnade dient. Wennemar V. von der Recke und seine Gemahlin Sybilla von Büren, die im Porträt dargestellt haben, haben sich mit diesem Kamin nicht nur selbst ein Denkmal gesetzt, sondern mit den acht Doppelwappen der Vorfahren Wennemars eine eindrucksvolle Ahnenprobe geliefert. Christus als Weltenherrscher über dem Kamin, die vier Kardinaltugenden (von denen die Figur der Temperantia fehlt) und das Relief mit der Opferung des Isaak verweisen auf die religiös begründete Herrschaft des Erbherrn auf Kemnade . Noch deutlicher wird der religiöse Bezug im Adam und Eva Kamin des kleinen Saals mit der Darstellung des Sündenfalls und Vertreibung aus dem Paradies und im Schöpfungskamin des ersten Stocks mit der Erschaffung der Welt und der Erschaffung Evas. In ihnen spiegeln sich die protestantischen Überzeugungen des letzten von der Recke und der Sybergs. – Die Verbindung von Religiosität und adeligem Standesbewusstsein dokumentiert auch der Sybergschen Epitaph aus der Pfarrkirche, der hier seinen Platz gefunden hat. – In eine andere Welt führen die Deckenmedaillons der Eingangshalle aus dem Jahre 1707. Hier werden die Inhaber der Herrschaft Stiepel von den Anfängen bis zu den Herren von Syberg in Wappen dargestellt um welche die Planeten in Wägen kreisen, deren Räder das Sybergsche Wappen wiederholen, alles eingebunden in den Zyklus der Tierkeiszeichen. Die Eigenherrschaft und die Eigenherren stellen sich dem Besucher beim Betreten des Hause eingefügt in die kosmische Ordnung vor – ein typisches Bildprogramm des Absolutismus.

Literatur in Auswahl

 

Weiß, August, Hochgericht und Herrlichkeit Stiepel, Jahrbuch des Vereins für Heimatpflege im Kreis Hattingen 2/3 (1923/24), S. 228-254 (teilweise überholt).

Lassek, Albert, Burghaus Kemnade im Ruhrtal, Bochum 1968.

Dann, Thomas, „... ein vortefflich schöner Rittersitz...“ Haus Kemnade und seine Ausstattung vom 16. Bis zum 19. Jahrhundert, Bochum 2000.

Scheler, Dieter, Pfarrkirche und Herrschaft Stiepel, in: Evangelische Kirchengemeinde Stiepel (Hrsg.), 1000 Jahre Dorfkirche Bochum-Stiepel; Bochum 2008, S. 167-176.

 

Aktuelle Ausstellungen

5. März bis 23. April 2017

Peter Beckmann
Der Tod tanzt auf dem Lande
Haus Kemnade, An der Kemnade 10, 45527 Hattingen

Details ...

Veranstaltungen

Archiv

Hier geht es zu unserem Veranstaltungsarchiv

Foerderverein Haus Kemnade, Powered by Webdesign-Glathe