Geschichte des Fördervereins

Als der Wurstkönig die
Wasserburg wollte…
Wie der Förderverein Haus Kemnade seinen Anfang nahm

Ein Bericht im Bochumer Stadtspiegel am 10. Januar 1998 schreckt die Bochumer auf: Die Stadt will sich von Haus Kemnade trennen, will den alten Rittersitz im Ruhrtal für 7,3 Millionen DM veräußern. Von einem in der Stadt ansässigen Unternehmer aus der Nahrungsmittelbranche als Investor ist in den ersten Gerüchten die Rede. Schnell wird klar, dass dahinter die Unternehmensgruppe Zimmermann, mit der Wurstmarke Zimbo europaweit bekannt, steht.

Obwohl Gespräche über Verkaufs- und Umbaupläne längst begonnen haben, hüllt sich die Stadt in Schweigen. Der damalige Oberbürgermeister Stüber ist sogar höchst erbost über die Presseinformationen  "während laufender Verhandlungen". Groß ist die Empörung unter der Bochumer Bevölkerung. Aber trotz der Geheimhaltungsbestrebungen im Bochumer Rathaus setzen die Gegner eines Verkaufs zunächst noch auf Gespräche. Weil sich aus den Ratsfraktionen spontan ablehnende Stimmen melden, wird durchaus an deren Erfolg geglaubt.

Doch der Investor drängt. Er sei an "schneller Realisierung seiner Vorstellungen" interessiert, wird von der Stadtspitze betont. Über die Vorstellungen des am Kauf interessierten Unternehmers kursieren bald viele Gerüchte. Ein modernes Großhotel im Scheunenbereich, eine Erlebnisfarm auf dem historischen Areal: Viele wollen etwas wissen, kaum jemand aber erfährt die Wahrheit über den Verhandlungsstand. Klar ist vielen Menschen in und um Bochum allerdings sofort: Hier ist ein historisches Kleinod in höchste Gefahr geraten.

Vor einer unüberwindbar erscheinenden Mauer des Verwaltungsschweigens formiert sich zunehmender Widerstand gegen eine drohende Privatisierung der Wasserburg. Protestschreiben gehen an Oberbürgermeister Stüber, an den Kulturausschuss der Stadt Bochum, an die Bezirksregierung in Arnsberg, an das Westfälische Amt für Denkmalpflege in Münster, an die Stadt Hattingen, auf deren Grund das Bochum gehörende Haus Kemnade steht, und an viele Vereine im Bochumer Stadtgebiet.

Die schnell auf rund 50 Aktive angewachsene Initiative gibt auch nicht auf, als der Rat statt des ursprünglich geplanten Verkaufs eine Erbpacht beschließt: Sie entscheidet sich für ein Bürgerbegehren. Die Zeit drängt, denn für die notwendigen 24.000 Unterschriften bleiben nur rund acht Wochen: Bis zum 22. April 1999 müssen diese vorliegen. Vorher sind der tatsächliche Sanierungsbedarf abzuklären und eine Gegenfinanzierung zu erstellen. Nicht einfach für die Initiative, der überhaupt noch keine Zahlen zur Verfügung stehen. Ein Gespräch mit dem Wirtschaftsdezernenten bringt zumindest etwas Transparenz: Rund 4,1 Millionen Mark hat die Stadt in den vergangenen 43 Jahren für den Unterhalt Kemnades aufgewendet. Was die Zukunft bringen könnte, ist allerdings völlig unklar, da es bislang kein Gutachten zum möglichen Sanierungsbedarf gibt.

Rund 100 Mitstreiter hat die Initiative, als am 16. März 1999 mit einer Pressekonferenz der Startschuss zur Unterschriftensammlung erfolgt. Auf dem Husemannplatz wird ein täglich besetzter Stand installiert, überall im Stadtgebiet sind Frauen und Männer mit Unterschriftenlisten unterwegs, auch in vielen Geschäften kann unterzeichnet werden. So viel Bekenntnis zum Erhalt des Herrenhauses überzeugt weithin. Presse und Fernsehen berichten laufend. Das Interesse an Informationen über Kemnade ist groß, wie die Aktiven vor allem am Stand auf dem Husemannplatz feststellen können.

Als am 17. April 1999 in der Innenstadt mit Musik, Kabarett und einer Luftballonaktion das Finale der Unterschriftensammlung eingeläutet wird, macht sich Erleichterung breit: Die Auszählung ergibt 30.000 Unterzeichner. Das Ziel ist mehr als erreicht. So viel Bürgerwiderstand in einem Kommunalwahljahr hat im Rat Bedenken wachsen lassen, und schon in der Endphase der Unterschriftenaktion wird deutlich, dass eine Verpachtung von Kemnade keine Mehrheit im Stadtparlament mehr finden wird. Tatsächlich entscheidet der Bochumer Rat am 22. April 1999 für den Verbleib Kemnades in öffentlicher Hand.

Nach diesem Erfolg geht es für die Ehrenamtlichen erst recht an die Arbeit. Die Initiative sieht sich in der Verantwortung für das weitere Schicksal des Hauses. Der Förderverein Haus Kemnade entsteht am 28. Mai 1999. An der Spitze stehen Aktive der ersten Widerstandsstunde. 1. Vorsitzende wird Rita Jobs, Stellvertreter Melanie Richter und Gerhard Hagenkötter, die nach wie vor führend aktiv sind.

Eng ist von Anfang an der Kontakt zum Förderverein Sammlung Grumbt. Seit 1996 widmet sich dieser Verein der rund 1800 Stücke umfassenden Musikinstrumentensammlung von Hans und Hede Grumbt, die als die größte in Nordrhein-Westfalen gilt. Sieben Jahre später werden die Weichen für einen Zusammenschluss mit dem Förderverein Haus Kemnade gestellt. Die Bündelung der Kräfte soll sowohl dem Gebäude als auch der großen Sammlung dienen.  Seit dem 1. Januar 2004 ist somit der Förderverein Haus Kemnade und Musikinstrumentensammlung Grumbt e.V. aktiv. Vordringliches Ziel ist eine angemessene Präsentation der von dem langjährigen Bochumer Symphoniker Hans Grumbt und seiner Ehefrau Hede gesammelten Instrumente. Schritt für Schritt wird der Weg geebnet, um der Öffentlichkeit den Zugang zu den Schätzen - zur Sammlung gehören neben den Instrumenten auch noch wervolle Handschriften sowie Erstdrucke von Noten und musiktheoretische Publikationen - zu erleichtern. Mit Sonderausstellungen zu verschiedenen Themengruppen wird immer wieder ein großes Publikum begeistert.

Zu den Schätzen auf Haus Kemnade gehört auch die Sammlung Ehrich, eine Zusammenstellung ostasiatischer Kulturgüter. Bedeutsam ist auch das Bauernhausmuseum, das östlich der Wasserburg Kemnade in einem Vierständer-Fachwerkhaus untergebracht ist. Um 1800 erbaut, beheimatete es einst die Stiepeler Meierei. Um das Gebäude vor dem Verfall zu bewahren, wurde es Anfang der siebziger Jahre an seinem alten Standort zerlegt und hinter dem Haus Kemnade wieder aufgebaut.

All das gilt es zu bewahren und noch weiter im alltäglichen Geschehen zu positionieren. Die "Kemnade-Retter" sind dazu bereit und engagieren sich seitdem ehrenamtlich. Vieles geschieht, um zu informieren, Sponsorengelder einzuwerben, die Infrastruktur von Haus Kemnade zu verbessern: Die Aufgabenfelder sind weit gesteckt.

Enger Kontakt wird zu den Verwaltungen in Bochum und Hattingen gepflegt, immer wieder auch die Begegnung mit der Oberen und Unteren Denkmalbehörde gesucht. Erste Erfolge werden sichtbar: Neben Musik im Rittersaal werden Lesungen von Märchen und Sagen zu einer festen Einrichtung. Führungen durchs historische Haus und seine Sammlungen werden zudem Bestandteile des immer umfangreicher werdenden Jahresprogrammes.

Besonderen Anklang findet die Konzertreihe auf Kemnade. Die Idee ist es, exzellente Künstler aus verschiedenen Bereichen zu präsentieren und gleichzeitig Haus Kemnade als Veranstaltungsort weiter zu beleben.

Ab 2001 intensiviert der Förderverein Bemühungen, in der alten Kapelle von Haus Kemnade standesamtliche Eheschließungen zu ermöglichen. Kein einfaches Unterfangen angesichts der komplizierten Struktur: Das der Stadt Bochum gehörende Haus steht auf einem Grund der Nachbarstadt Hattingen, so dass für die Eheschließungen diese zuständig ist. Anfang 2007 sind alle Hindernisse ausgeräumt, nicht zuletzt dank der Tatsache, dass seit 2005 zwei Frauen – Dr. Scholz in Bochum und Dr. Goch in Hattingen – an der Verwaltungsspitze der involvierten Kommunen stehen. Die Heiratswilligen ringsum scheinen nur auf so eine Gelegenheit gewartet zu haben: Schon im ersten Jahr konnte das 100. Brautpaar auf Haus Kemnade begrüßt werden.

Notwendig erscheinende Investitionen auf Haus Kemnade werden von Anfang an ebenfalls in den Fokus genommen. Zu den vordringlichen Aufgaben gehört sehr bald die Renovierung der Brücke zum Ostportal von Haus Kemnade. Bereits im September 2002 wird ein erstes Brückenfest gefeiert, drei Jahre später kann die neue Brücke eröffnet werden. Damit ist der Weg von den Museumsräumen zum hinteren Burgbereich wieder frei, das Bauernhaus für Besucher von Haus Kemnade nun leicht zu erreichen.

Seit April 2005 bereichert die Schatzkammer Kemnade die Museumslandschaft auf Haus Kemnade. Im Mittelpunkt steht eine der größten Spardosensammlungen Deutschlands. Vom ältesten deutschen Sparschwein aus dem 13. Jahrhundert bis zur venezianischen Ballusterdose aus edlem Porzellan, von mechanischen Gussspardosen bis zu filigranen Sparbehältern aus Silber und Gold finden sich hier alle denkbaren Spargefäße.

Die zahlreichen Instrumente der Sammlung Grumbt bilden seit 2005 die Grundlage für ganz spezielle Angebote auf Kemnade, für die hochqualifizierte Musikwissenschaftler gewonnen werden können. Die im Haus beheimateten Exponate laden zur Beschäftigung mit Instrumenten vieler Völker und Zeiten. Derartige exotische Schätze stehen im Mittelpunkt viel beachteter  Ausstellungen, die  „Quer durch Asien“ und  „Quer durch Afrika“ führen.

Als die Stiepeler Dorfkirche 2008 ihr 1000-jähriges Bestehen feiert, was mit zahlreichen Veranstaltungen bis hin zu einer eigenen Briefmarke begangen wird, ist Haus Kemnade Zentrum einer viel besuchten Ausstellung zum Thema „Haus Kemnade und das Königreich Stiepel“. Zusammen mit der evangelischen Kirchengemeinde Stiepel und dem Museum Bochum werden das Kirchenjubiläum und die enge Verbindung zwischen Rittersitz und Stiepel gewürdigt.

Im Kulturhauptstadtjahr 2010 steht natürlich auf Kemnade auch wieder die Musik im Mittelpunkt. „Von der Gambe bis Grönemeyer“ lautet das Motto des sich mit Bochums Musikgeschichte befassenden Projektes. Zwar ist die Finanzierung, nicht zuletzt wegen der angespannten Bochumer Haushaltslage, nicht einfach. Aber die Aktiven im Förderverein schaffen es auch diesmal, überzeugen mit einer gelungenen Ausstellung sowie einem vielfältigen zusätzlichen Konzertprogramm.

Immer weiter zieht sich der Kreis der Kontakte. Die Musikhochschule Köln, Abteilung Wuppertal, arbeitet und forscht auf Haus Kemnade und hebt dabei so manchen Schatz, der noch im großen Archiv der Sammlung schlummert. Schließlich ist bislang nur wenig präsentiert worden. Die Mehrzahl der Instrumente wartet noch darauf, von Liebhabern entdeckt und bewundert zu werden.

Auch die Musikinstrumentenbauerinnung des Landes engagiert sich mittlerweile auf Kemnade und hilft, so manchen dort lagernden Schatz zu erhalten und eventuell für neues Leben fit zu machen.

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